Moderne Klassiker wie der Freischwinger oder der Ulmer Hocker sind für die Pianistin Fee Stracke eine Inspirationsquelle. Ihre Jazzstücke „Musik in Möbeln“ hat sie anhand der Bauweise, der Geschichte oder des Designs der Sitzmöbel komponiert.

Die Pianistin Fee Stracke © Dovile Sermokas

„Musik in Möbeln“ heißt dein neues Musikprojekt. Wie bist Du auf die Idee gekommen, den Klang von Möbeln zu erforschen?
Fee Stracke: Einen Moment der Inspiration hatte ich an einem kanadischen Flughafen. In Banff hatte ich einen Workshop besucht und einer der Dozenten, der US-amerikanische Trompeter Dave Douglas, hatte mich ermutigt, aus alltäglichen Dingen Inspirationen zum Komponieren zu ziehen. Vollgepumpt mit Eindrücken und positiv erschöpft saß ich da und schaute mich in der Wartehalle um. Plötzlich passierte es: Die Stuhlreihen, die aufgereihten und ab und zu von Ablagen unterbrochenen Sitze, ergaben einen Rhythmus und eine Melodie.

Zurück in Berlin arbeitete ich das Konzept aus und verband die Idee mit meinem Interesse an Klassikern des modernen Stuhldesigns. Mit Hilfe eines Stipendiums des Berliner Senats konnte ich dann auch in die Tiefe gehen, Archive und Bibliotheken durchforsten und die ersten Stücke auf Grundlage der Möbel entwickeln.

Welche Möbel hast Du bereits vertont? Und wie bist du beim Komponieren vorgegangen?
Fee Stracke: Ich fasse die Musik nicht wie Eric Satie in den 1920ern oder Brian Eno in den 1970ern als Raumelement auf, sondern horche in Möbel hinein, um aus ihnen selbst Musik zu ziehen. Dabei arbeite ich aus den Objekten Vorgaben für die Kompositionen heraus. Das geht manchmal bildhaft und assoziativ, manchmal etwas strenger auf festen Strukturen basierend.

Beim Ulmer Hocker von Max Bill habe ich schematisch gearbeitet und mit den Maßen und der Bauweise experimentiert. Die Seitenlängen gaben zum Beispiel die Anzahl der Beats, die Tonfrequenzen und Grundharmonien vor. Die Fingerzinkenbauweise hat mich insofern inspiriert, dass ich Melodiestimmen komponierte, die ähnlich dem Holz ineinandergreifen und sich gegenseitig stabilisieren. Für ein weiteres Stück habe ich den Plastic Side Chair auf Traverse von Charles und Ray Eames ausgewählt und mithilfe von Planzeichnungen gearbeitet. Das Stück funktioniert so: Die Melodie ist immer da, wie das Möbel, während die Menschen kommen, sitzen und wieder gehen, mal viele mal wenige, mal eilig mal langsam. Das wird von der Begleitung, dem Rhythmus, der Dynamik und nicht zuletzt der Improvisation dargestellt.

In einem deiner Stücke hat man den Eindruck, akustisch einen Kaffeehausstuhl auf seiner Reise von der Fertigung über die Verschiffung auf einem Frachter bis ins Wiener Kaffeehaus zu begleiten, das Stück vom Freischwinger klingt tatsächlich nach freiem Schwingen und scheint vom Namen inspiriert. Woher weißt du, wie welches Möbel klingen muss?
Fee Stracke: Da freue ich mich, dass Du das so gehört hast. Ich versuche, dass jeweils Spezifische, Besondere an jedem Sitzmöbel zu finden und dies als Ausgangpunkt für die Komposition zu nehmen.

Bei dem klassischen Kaffeehausstuhl bot sich an, die Produktionsgeschichte des berühmten Thonet Nr. 14 eher bildhaft zu verarbeiten. Das Bugholzverfahren war damals sehr innovativ, Wasserdampf macht das Holz gefügig. Trotzdem sträubt sich der Naturstoff gegen diese technische Manipulation, und das kann man in dem Stück hören. Den Sound des Freischwingers habe ich mit einer Melodie aus Flageoletttönen entwickelt, bei der die Stahlsaiten der Gitarre nicht aufs Griffbrett sondern nur kurz berührt werden, und so frei schwingen können.

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Für ihr Projekt konnte Fee Stracke den Gitarristen Daniel Meyer, die Kontrabassistin Berit Jung und den Schlagzeuger Hampus Melin gewinnen. Im Herbst 2018 erscheint die CD mit der „Musik in Möbeln“.

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Das Interview erschien im Sommer 2017 erstmalig in einer längeren Version im Blog ‚Bürozeit’ des Planungsbüros ALLTEC Bürokonzept.

23. Juli 2018